Die Einteilung in "kommerzielles"
und "nicht-kommerzielles" (Social-) Marketing ist
kontraproduktiv!
Marketing entstammt dem Fachgebiet
"Wirtschaftswissenschaft". Die Wirtschafts- wissenschaft
befasst sich mit der Befriedigung der Bedürfnisse der
Menschen und in der Folge mit der optimalen Verteilung
knapper Güter (Mobilität ist auch ein solches Gut!).
Marketing ist in einer Kurzform die Wissenschaft des
Tauschens.
Für jede Tauschhandlung ist es nötig, ein Produkt bzw.
Angebot zu haben, das andere Personen haben möchten, das
also ein bestimmtes Bedürfnis befriedigen kann. Schlaue
Tauscher kennen die Bedürfnisse der potentiellen
Tauschpartner und gestalten ihr Tauschangebot entsprechend.
Die Kenntnis der Bedürfnisse und die "Produkt- bzw.
Angebotsgestaltung" (!) sind also zentrale Elemente des
Marketing. Jeder Anbieter muss seine potentiellen
Tauschpartner über sein Angebot informieren und wird dieses
möglichst positiv darstellen bzw. dem "Kunden"
verdeutlichen, dass er sein Bedürfnis damit optimal - besser
als mit anderen Tauschangeboten - befriedigen kann ("Kommunikationspolitik,
Werbung, PR, etc."), er wird einen Gegenwert festlegen bzw.
diesen verhandeln ("Preispolitik" bzw. "Anreizpolitik"),
er wird weiters dafür sorgen müssen, dass das Produkt zur
richtigen Zeit am richtigen Ort angeboten wird bzw. für den
"Kunden" verfügbar ist ("Distribitions- bzw.
Verteilungspolitik").
Ein Marketingmanager ist damit befasst, alle
Marketinginstrumente - und dazu gehört auch die Produkt-
bzw. Angebotsgestaltung - so einzusetzen, dass insgesamt
eine optimale Wirkung eintritt. Niemals darf es
beispielsweise passieren, dass eine große Werbekampagne
stattfindet und das Produkt dann nicht ausreichend verfügbar
ist oder beispielsweise am Ort des Verkaufs ("Point of
Sale") nicht leicht gefunden werden kann. Gibt es keinen
wirklichen Bedarf an dem Produkt oder stimmt die Qualität
oder Aufmachung nicht, wird auch eine noch so
kostenintensive und gute Werbekampagne wenig bringen. Der
erfahrene Marketingmanager weiß beispielsweise auch, dass
eine deutliche Preisreduktion ohne entsprechende begleitende
Information nur sehr wenig Umsatzzuwachs bewirkt, während
eine perfekt abgestimmte Marketingaktion aus einer
Kombination aus Preisreduktion, Sonderplatzierung, optimal
gestreuter Medienwerbung mit bedürfnisgerechten
Argumentationsstrategien ein Vielfaches an Umsatz einbringt.
Ein gutes, bedürfnisgerechtes "Marketing-Mix" bringt
wesentlich mehr Erfolg als die Summe der einzelnen
Marketinginstrumente - und das ist der eigentliche "Witz"
daran!
Und genau dieses "Marketing Mix" ist es, was in der
Verkehrssicherheitsarbeit vielfach fehlt. Hier liegt noch
ein riesiges Potential an Sicherheitsgewinn.
Eine neue Marketing-Klassifikation
Eine Unterscheidung in kommerzielles und nichtkommerzielles
bzw. Social Marketing ist an sich nicht zielführend und
führt leicht dazu, Problemstellungen des sogenannten Social
Marketing völlig unberechtigterweise in einen Topf zu
werfen. So macht es aber einen erheblichen Unterschied, ob.
z.B. ein Spendenaufkommen erhöht werden soll, einer
Impfaktion zum Erfolg verholfen werden soll, zu mehr
Mülltrennung motiviert oder ein sicheres Fahren bewirkt
werden soll. Selbst die Zielsetzung der Erhöhung der
Gurtanlegequote erfordert eine völlig andere Strategie als
eine Kampagne gegen "Schnellfahren".
Ein Marketingkonzept gegen alkoholisiertes Fahren würde
wiederum andere Techniken in der Argumentation und auch in
der Gewichtung der Marketinginstrumente erfordern.
Eine Kampagne (als Teil eines Marketingkonzeptes), durch die
möglichst viele Leute zu einer Zeckenimpfung bewegt
werden sollen, hat ein einmaliges, relativ kurzes mit eher
geringen Mühen und Kosten aber doch etwas Überwindung
verbundenes Verhalten zum Ziel. Nach dieser Impfung ist der
Fall für den "Kunden" erledigt. Die ganze Aktion wirkt sich
weder auf den Lebensstil, noch auf die Selbstdarstellung und
das Prestige der Person aus. Es kann also beispielsweise
problemlos mit recht stark angsterregenden Inhalten in
Verbindung mit dem Aufzeigen einer einfachen Abwehr der
Gefahr geworben werden. Weitere Marketingaktivitäten könnten
aus einer besonders leichten Erhältlichkeit der Impfung bzw.
einer problemlosen Abwicklung in angenehmer Atmosphäre sowie
anderen Anreizen bestehen.
Die gleiche Strategie wäre für eine Kampagne zur Erhöhung
der Verkehrssicherheit völlig ungeeignet. Die
Impfkampagne entspricht strategisch einer ganz normalen
kommerziellen Werbung, während die
Verkehrssicherheitskampagne (z.B. gegen Fahren mit
überhöhter Geschwindigkeit) völlig anders konzipiert sein
muss. Es geht hier nicht um ein einmaliges Verhalten,
sondern um eine dauerhafte Änderung eines Verhaltens, das
noch dazu erhebliche Bedeutung für die Persönlichkeit und
Selbstdarstellung hat, das enorm vielschichtig motiviert
ist, in einem sozialen Feld mit sich gegenseitig
beeinflussenden Teilnehmern stattfindet und das häufig
bereits seit Jahrzehnten eingewöhnt ist. Die
Verhaltensänderung ist außerdem mit großen (mentalen) Mühen
verbunden.
Eine Marketingstrategie gegen Fahren mit überhöhter
Geschwindigkeit hat beispielsweise mit einer
Marketingstrategie für Zeckenimpfungen rein gar nichts zu
tun, obwohl beide in den Topf "Social-Marketing" geworfen
werden.
Relativ viele Parallelen zeigen sich interessanterweise bei
möglichen Marketing- konzepten für ein sicheres
Fahrverhalten und für das Nichtrauchen. Es handelt sich in
beiden Fällen um dauerhafte Verhaltensänderungen, die mit
erheblichen Mühen verbunden sind und viel mit
Selbstdarstellung zu tun haben (möglicherweise liegen in
beiden Fällen auch Suchtprobleme vor).
Viel wichtiger als die Unterscheidung in kommerzielles und
nichtkommerzielles Marketing ist die Unterscheidung der
Zielsetzungen, für die ich folgende Klassifikation
vorschlage:
Die drei grundsätzlichen Verhaltenskategorien, die
Gegenstand eines Marketingkonzeptes sein können, sind:
| 1. Kauf-/Beschaffung
eines Produktes |
| 2. Ein zeitlich
begrenztes Verhalten |
| 3. Ein permanentes
Verhalten |
Die jeweils erforderliche
Marketingstrategie richtet sich weiters nach der Relevanz
des Produktes/ Verhaltens für das Selbstbild, die
Selbstdarstellung bzw. die Persönlichkeit des "Kunden"
(Prestigeeffekt, etc.) sowie den Mühen bzw. subjektiven
Kosten, die mit dem erwünschten Verhalten verbunden
sind.
Aus diesen zentralen Kriterien ergeben sich 12
Verhaltenskategorien, die jeweils grundlegend
verschiedene Marketingstrategien erfordern. Bevor man sich
an die Erstellung eines Marketingkonzeptes oder auch nur
einer Werbekampagne macht, muss man sich im klaren sein,
welche Verhaltenskategorie überhaupt Gegenstand des
Konzeptes bzw. der Kampagne sein soll.
Anstatt einer Unterscheidung zwischen kommerziellem und
nichtkommerziellem Marketing würde ich folgende
Klassifikation vorschlagen:
| 1. Klassisches
Produktmarketing (Kauf / Beschaffung)
|
| 2. Marketing für ein
zeitlich begrenztes Verhalten |
| 3. Marketing für ein
permanentes Verhalten |
Jede dieser Marketingarten gibt es
in vier grundlegenden Variationen, je nach Relevanz für
das Selbstbild und nach erforderlichen Mühen des
Verhaltens. Innerhalb der grundlegenden Marketingarten
können jeweils ähnliche Strategien eingesetzt werden.
Gleichzeitig können aber erfolgreiche Konzepte innerhalb
einer Marketingart (z.B. "Marketing für ein zeitlich
begrenztes Verhalten mit geringer Mühen und geringer
Relevanz für das Selbstbild") nicht direkt auf eine andere
Marketingart (z.B.: "Marketing für ein permanentes Verhalten
mit hoher Mühe und hoher Relevanz für das Selbstbild")
übertragen werden.
Nachdem bisherigen Studien zur Effektivität verschiedener
Appellformen oder Argumentationsstrategien im Social
Marketing keinen Bezug auf diese fundamentale
Kategorisierung nehmen, kamen viele Verallgemeinerungen
zustande, die aufgrund der Verschiedenartigkeit der
Problemstellungen eigentlich nicht zielführend sein können.
Was für Impfkampagnen gilt, kann für eine "Don´t Drink and
Drive"-Kampagne völlig falsch sein. Was für eine Aktion zur
Hebung der Akzeptanz eines lokalen Tempolimits richtig ist,
kann für eine Kampagne für ein allgemein defensiveres
Fahrverhalten kontraproduktiv sein, etc.
Viele bisherigen Aussagen und Empfehlungen zur Gestaltung
von Verkehrssicherheits- kampagnen - großteils sehr gute und
richtige Empfehlungen - müssen allerdings in Bezug auf die
jeweilige Zielsetzung und die Art der Einbindung in ein
systematisches Marketing relativiert werden. Unter
bestimmten Bedingungen können beispielsweise angsterregende
Inhalte, die immer wieder vehement bekämpft werden (bisher
auch von mir selbst) durchaus gute Effekte zeigen. Mehr dazu
im Kapitel "Effektive Argumentation".
Ist Verkehrssicherheit ein
Produkt?
Im Gegensatz zu anderen Autoren (z.B. KOTLER 1982), vertrete
ich nicht die Meinung, dass jede "Idee" Gegenstand eines
Marketing sein kann. Ideen, wie z.B. "Sicherheit",
"Gesundheit", etc. sind keine Produkte und können daher
nicht direkt Grundlage eines Marketingkonzeptes sein.
Aus diesen Ideen müssen zuerst Produkte oder
"Produktanalogien" abgeleitet werden.
Diese müssen konkret abgrenzbar, benennbar sein und mit
rationalen und emotionalen Eigenschaften verknüpfbar sein
(d.h. z.B. ein "Image" haben können).
Die Ableitung konkreter "Produkte" aus den abstrakten
Zielsetzungen ist eine wichtige Aufgabe der
Sicherheitsinstitutionen.
"Fahren mit angepasster Geschwindigkeit" bzw. "vorsichtiges
Fahren" sind keine Produkte. Ein bestimmter Fahrstil, der
einigermaßen klar definiert werden kann, der einen
bestimmten Namen hat, und der mit emotionalen Inhalten
angereichert werden kann (="Positionierung"), ist dagegen
ein echtes Produkt, für das der koordinierte Einsatz der
Marketinginstrumente hervorragend geeignet ist.
Ein bestimmter Fahrstil kann ein Produkt sein!
Ganz im Sinne der Methoden der Markenpolitik kommerzieller
Unternehmen, könnte ein solcher sicherer Fahrstil, bzw.
einige verschiedenen, jeweils klar positionierte (sichere)
Fahrstile im Bewusstsein der Kraftfahrer verankert werden.
Man könnte alle Instrumente der Imagepositionierung
einsetzen, um für möglichst viele Lenker ein
Identifikationsbasis in einem dieser sicheren Fahrstile
anbieten zu können. Als Vorbild kann man sich hier der
Zigarettenindustrie bedienen, die eine breite Palette von
Produkten, die sich zum Teil ja nur durch das Image
unterscheiden, anbietet, um für möglichst viele Personen
eine Identifikationsbasis als Raucher zu schaffen. Dies
kommt auch dem starken Bedürfnis nach Selbstdarstellung und
Ausdruck der Persönlichkeit entgegen, die durch das Image
der gerauchten Marke perfekt kommuniziert werden kann. Die
gerauchte Zigarettenmarke hat übrigens einen starken
Zusammenhang mit dem Fahrstil!
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