Zielsetzung der Studie "Effektive Argumentation gegen
Schnellfahren" war die Entwicklung wirksamer
Argumentationsstrategien gegen Fahren mit überhöhter
Geschwindigkeit sowie daraus folgend, die Anwendung dieser
Erkenntnisse auf Verkehrssicherheitskampagnen bzw.
-öffentlichkeitsarbeit, auf Schulungsprogramme für
Kraftfahrer und auch auf die Kommunikation der Exekutive mit
Fahrzeuglenkern z.B. im Rahmen von Anhaltungen wegen
Schnellfahrens.
Das Projekt ist ein Anwendungsbeispiel der
Argumentationsforschung, die sich als "missing link"
zwischen der Sicherheitsforschung (im bisherigen Sinne) und
einer effektiven kommunikativen Umsetzung versteht.
Die Studie besteht aus mehreren Teilen, wobei der Einsatz
effektiver Argumentationsstrategien in einem
Gesamtzusammenhang gesehen wird.
Im
ersten Teil
der Arbeit wird dargelegt, dass jede Argumentation vor dem
Hintergrund zahlreicher paradoxer Erscheinungen im stark
emotionalisierten Verkehrsbereich, gesehen werden muß. Aus
dieser grundsätzlichen Perspektive werden Ansätze für
eine nachhaltige Erhöhung der Verkehrssicherheit
angedacht und argumentiert. Einer dieser Ansätze wäre die
Anwendung des, für die Unternehmens- bzw.
Organisationsberatung entwickeltenPrinzips der "richtig
motivierten Systemelemente" auf die
Verkehrssicherheitspolitik. Die zentrale Fragestellung
dieses Prinzips lautet "Wie können alle wichtigen
Elemente des Verkehrssystems (von der Fahrzeugindustrie bis
zu den Sicherheitskräften/-experten) logisch (d.h.
zusätzlich zum persönlichem Engagement) in Richtung der
Zielsetzung einer Erhöhung der Verkehrssicherheit motiviert
werden?".
In diesem
Zusammenhang wird auch die Notwendigkeit einer klaren
gesellschaftlichen Wertvorstellung bzw. Zielsetzung in
Bezug auf das Unfallgeschehen thematisiert, ohne die es
keinen wirklichen Anhaltspunkt für die Definition einer
sogenannten "nicht angepaßten Geschwindigkeit" geben
kann. Nachdem sich auch in dieser Studie zeigte, dass die
meisten Lenker ihr Fahrkönnen als hervorragend einschätzen
und in die Beurteilung der "subjektiv angepaßten
Geschwindigkeit" auch die Einschätzung des eigenen
Fahrkönnens eingeht, kann man schließlich davon ausgehen,
dass alle Lenker stets mit subjektiv angepaßter
Geschwindigkeit fahren. Im Bericht wird daher (und auch
aus sprachlichen Vereinfachungsgründen) der Begriff "Schnellfahren"
verwendet.
Als eine weitere grundsätzliche Idee zur Hebung der
Verkehrssicherheit wird das "Prinzip der erhöhten
Verantwortung" ausgeführt, wobei zur Diskussion gestellt
wird, wer eigentlich welche Verantwortung für das
Unfallgeschehen trägt, und wie diese
Verantwortlichkeiten optimal zur Vermeidung von Unfällen
definiert werden müßten. Angeregt wird - im Sinne der
optimalen Steuerung der Motivationskräfte - eine Kombination
aus Produkthaftung und Selbstverantwortung der Lenker.
Im
zweiten Teil
der Arbeit wird die Notwendigkeit der Einbindung aller
Verkehrssicherheits- maßnahmen in ein ganzheitliches
Marketingkonzept verdeutlicht. Es kann nachgewiesen
werden, dass kommunikative Maßnahmen, sogar mit relativ
geringen Budgets, viel dazu beitragen können, beispielsweise
die Akzeptanz von Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen, aber kaum
Einfluss auf fahrverhaltensrelevante Einstellungen oder gar
das Verhalten selbst ausüben können (vielleicht mit neuen
Argumentationsstrategien).
Im
Verkehrssicherheitsbereich fehlt vielfach ein gut
abgestimmtes Marketing-Mix, die optimale Kombination
von Maßnahmen und Instrumenten zur Ausnützung bzw. Auslösung
von Synergien. Gerade dieses Marketing-Mix, der eigentliche
"Witz" des Marketing, wäre die einzig richtige Antwort auf
die Frage nach einer sinnvollen und effektiven Verteilung
der Budgetmittel auf die verschiedenen Instrumente zur
Hebung der Verkehrssicherheit. Isolierte Kampagnen können
nur einen Bruchteil der Wirkung entfalten, die im perfekt
abgestimmten Verbund mit anderen Maßnahmen möglich wäre.
Anstatt der eigentlich durch nichts gerechtfertigten
Unterscheidung in kommerzielles und nichtkommerzielles
Marketing, wird eine Neuorientierung empfohlen, die den
grundlegenden strategischen Erfordernissen in der
Marketingplanung besser gerecht wird. Die Neuorientierung
geht von drei zentralen Marketing-Arten aus:
-
Klassisches Produktmarketing (Kauf, Beschaffung eines
Produktes)
-
Marketing für zeitlich begrenztes Verhalten
-
Marketing für permanentes Verhalten
Im
dritten Teil
werden die Motive des
Schnellfahrens diskutiert. In Anbetracht der zentralen
Bedeutung der menschlichen Motive und Bedürfnisse für das
Marketing und natürlich auch für die Entwicklung effektiver
Argumentationsstrategien, wird im Bericht eine umfassende
Motiv-Checklist zur Verfügung gestellt.
Die (Zusatz-)Motive
des Schnellfahrens werden schließlich in vier
Motivationsfelder eingeteilt:
-
"Lust, die eigenen Fähigkeiten und Fertigkeiten
einzusetzen"
-
"Bedürfnis nach Erlebnis, Aktivierung, Nervenkitzel,
Thrill"
-
"Bedürfnis nach Anerkennung, Status, Zugehörigkeit und
Macht"
-
"Bedürfnis, mit anderen zu kommunizieren und in
Wettbewerb zu treten"
Ergänzend zur theoretischen Analyse der Motive wird die
Wirkungsweise der "Emotionalen Konditionierung" im
Verkehrssicherheitsbereich dargestellt, sowie der
diesbezügliche Einfluß der Werbung und der Medien auf die
Motivation zum Schnellfahren.
Im
umfangreichen
vierten Teil
werden die Ergebnisse der
Lenkerbefragung dargestellt (586 sehr ausführliche
Interviews mit 18- bis 60-jährigen Fahrzeuglenkern in
Österreich), wobei bei allen Erhebungstatbeständen
besonderes Augenmerk auf die Unterschiede zwischen
"zurückhaltenden", "zügig-aktiven" und "rasanten" Fahrern
gelegt wird, um den Motiven des Schnellfahrens möglichst
umfassend und tiefgehend auf die Spur zu kommen. Zusätzlich
können bzw. sollen die Ergebnisse als Ausgangsbasis für
zukünftige, detaillierte Evaluationsstudien herangezogen
werden.
Folgende Themen wurden ausführlich analysiert:
-
Motive des Schnellfahrens (28 Statements)
-
Beschreibung des eigenen Fahrstils (18 Statements)
-
Stärken und Schwächen als Fahrer - Selbsteinschätzung
(15 Statements)
-
Worauf legt man bei einem Fahrzeug wert (17 Statements)
-
Verkehrsspezifische Einstellungen, Fahrzeugbesitz und
-nutzung, etc. darunter auch Fragen zu Tempo- und
Alkohollimits, zur Amtshandlung, etc. (60 Fragen)
-
Einstellung zu Unfallursachen (22 Statements)
-
Selbstbild, Selbstbeschreibung (31 Statements)
-
Sicherheitsgefühl und Ängste im Straßenverkehr (10
Statements)
-
Meinungen zu "Schnellfahren", "Langsamfahren", "Wie
wünscht man sich den Fahrer, wenn man Beifahrer ist",
etc. (4 offene Fragen)
-
Einstellung zu Sicherheitsmaßnahmen, Akzeptanz (29
Statements x 2)
-
Akzeptanz von Argumenten für Tempolimits (21 Statements)
Im
fünften Teil
der Studie werden wichtige
Grundlagen effektiver Kommunikation, die Methodik der
Argumentationsforschung, sowie eine besonders
aussagekräftige und kompakte Methode der Akzeptanzanalyse
bzw. Maßnahmenevaluation vorgestellt
("Akzeptanzprofil-Analyse"). Es werden die Besonderheiten
bzw. besonderen Erfordernisse der
Verkehrssicherheitskommunikation, im speziellen der
Argumentation gegen Schnellfahren (=Teil des
"Marketing für permanentes Verhalten, das außerdem hohe
Relevanz für das Selbstbild bzw. Selbstwertgefühl hat.")
diskutiert. Anhand der Ergebnisse einiger selbst
durchgeführter Studien aus dem Bereich der
Argumentationsforschung werden Ideenansätze entwickelt.
Als erprobtes und effektives Verfahren der Evaluation wird
das "Akzeptanzprofil" vorgestellt bzw. für den weiteren
Einsatz empfohlen und seine Funktionsweise anhand der
Analyse der Wirkung von 40 Testargumente demonstriert.
Das Akzeptanzprofil besteht aus vier fundamentalen Aspekten
der Akzeptanz, die immer simultan zu interpretieren sind
(kein Stufenmodell):
-
Allgemeine Akzeptanz bzw. Zustimmung (z.B.: "Die
Österreicher sollten im Allgemeinen langsamer fahren.")
-
Maßnahmenakzeptanz bzw. Realisationswunsch (z.B.: "Es
sollte ernsthaft etwas gegen das Schnellfahren
unternommen werden.")
-
Akzeptanz mit Selbstbezug, Verhaltensabsicht (z.B.:
"Auch ich sollte eigentlich langsamer fahren.")
-
Verhalten bzw. Verhaltensbehauptung (z.B.: "Ich fahre
ohnehin langsam.").
Die
Analyse der Testargumente (in Summe) anhand des
Akzeptanzprofils ("Vorher-/Nachher"-Untersuchung)
zeigt übrigens sehr gute akzeptanzerhöhende Effekte bei der
"Allgemeinen Akzeptanz" und der "Maßnahmenakzeptanz", aber
insgesamt keine Auswirkung bei der "Akzeptanz mit
Selbstbezug" und der "Verhaltensbehauptung".
Sehr aufschlußreich
sind die Analysen der Gruppenunterschiede anhand des
Akzeptanzprofils. So konnte beispielsweise bei rasanten
Fahrern die "Maßnahmenakzeptanz" ganz erheblich gesteigert
werden und bei Motorradfahrern zeigte sich sogar eine
deutliche Erhöhung der "Akzeptanz mit Selbstbezug".
Motorradfahrer lassen offenbar eher mit sich reden als
Autofahrer.
Den Abschluß des fünften Teils bildet die sogenannte
Argumentationsmatrix. Diese Argumentationsmatrix ist der
Kern der Argumentationsforschung. Die vorläufige
"Argumentationsmatrix gegen Schnellfahren" besteht aus 123
verschiedenen inhaltlichen Argumentatsionsstrategien, sowie
aus 18 zentralen Stilformen, 14 zentralen Strukturformen und
14 verschiedenen möglichen Botschaftssendern.
Im Rahmen der
Argumentationsforschung werden die solcherart strukturierten
Argumente systematisch getestet. Außerdem stellt die
Argumentationsmatrix einen riesigen Ideenpool für
Sicherheitskampagnen dar.
Den
sechsten Teil
bildet der Test von insgesamt 40
Argumenten, die auf Basis der Argumentationsmatrix
getextet wurden. Aus den Ergebnissen können einerseits
grundlegende Erkenntnisse für die Argumentation gegen
überhöhte Geschwindigkeit abgeleitet werden und andererseits
können die Argumente mit guten Akzeptanzwerten direkt in
Kampagnen transferiert werden (aber bitte als Bestandteil
eines ganzheitlichen Marketingkonzeptes!).
Der
siebente Teil
befaßt sich mit der Amtshandlung der Exekutive bei
Anhaltungen wegen Fahrens mit überhöhter Geschwindigkeit.
Dieser Aspekt wurde ebenfalls einbezogen, da bei den
Amtshandlungen Kommunikationsprozesse mit genau den Personen
stattfinden, die zur Kernzielgruppe von Maßnahmen gegen
Schnellfahren gehören. Diese Gesprächssituation müßte
optimal ausgenützt werden, um gegenüber den "Temposündern"
möglichst einstellungs- und oder sogar verhaltenswirksam zu
argumentieren. Die Ergebnisse dieser Studie können sehr gut
für die diesbezügliche Weiterbildung der Exekutivebeamten
eingesetzt werden.
Der
achte Teil
besteht aus einer umfassenden
Werbe- bzw. Kommunikations-Checklist zur Entwicklung
wirksamer Kampagnen (Werbung, PR, etc.) unter besonderer
Berücksichtigung der Erfordernisse spezieller sozialer
Zielsetzungen. Diese Checklist ist gleichzeitig eine
konzentrierte Zusammenfassung sozialwissenschaftlichen Know
Hows zur Kommunikationsgestaltung und Einstellungsänderung.
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